„Denk an die Raben!“ – Lichtenfelser Schüler erleben Vielfalt, die im Kopf bleibt

Das Bilderbuchkino „Als die Raben noch bunt waren“, präsentiert von den Aktiven Bürgern und Iris Birger, bringt Schülerinnen und Schüler ins Gespräch über Unterschiede, Zusammenhalt und Toleranz. Wie die Botschaften der Interkulturellen Woche noch lange nachwirken können.

Corinna Tübel

Was heißt eigentlich „Guten Morgen“ auf Türkisch? Oder auf Italienisch, Ukrainisch oder Arabisch? Kaum hat Literaturvermittlerin Iris Birger den Ball in der Hand, fliegt er schon quer durch die Reihen der ehemaligen Synagoge in Lichtenfels. Die Kinder antworten „Salam Aleikum“, „buongiorno“, „Good morning“ und auf viele andere Weisen. Der Ball wandert weiter und bald wiederholt die ganze Klasse lautstark die Grußformeln. So unterschiedlich die Sprachen auch klingen: Gemeinsam macht das Begrüßen richtig Spaß.

Mit diesem spielerischen Einstieg begann ein besonderes Vielfaltprojekt für die dritten und vierten Klassen der Grundschulen im Stadtgebiet Lichtenfels. Im Rahmen der Förderung der Demokratie für Schulen präsentierten die Aktiven Bürger gemeinsam mit dem Arbeitskreis zur Interkulturellen Woche und Literaturvermittlerin Iris Birger die Bilderbuchkino-Geschichte „Als die Raben noch bunt waren“. Dafür saßen vor allem Letztere und Jutta Vogel, Organisatorin der Leseförderung an Schulen bei den Aktiven Bürgern, im Vorfeld lange in stadtbekannten Cafés zusammen und haben getüftelt: Wie regen wir den Dialog mit den Kindern an?

Große Bilder, viele Gedanken

Eine der Antworten ist wohl: durch eine spannende Geschichte. Das Buch von Carola Holland und Edith Schreiber-Wicke beschreibt eine Zeit, in der Raben kunterbunt waren und sich durch einen heftigen Streit um die „wahren“ Farben in schwarze Vögel verwandelten. Dazwischen geht es um viel mehr: Was ist die „richtige“ Farbe für diese Tiere? Wer bestimmt das? Warum streitet man plötzlich? Und wie geht streiten eigentlich?

Iris Birger hätte für die Veranstaltung aus einer ganzen Reihe von Büchern auswählen können. Schließlich gibt es heute viele Kinderbücher, die sich mit Demokratie, Vielfalt und Toleranz beschäftigen. Entschieden hat sie sich dennoch für „Als die Raben noch bunt waren“ – eine Geschichte, die sie bereits einmal in der Bücherei Gundelsheim vorgestellt hatte.

Und schnell zeigt sich: Die Wahl passt. Immer wieder bezieht die Autorin die Kinder in die Geschichte ein. Sie fragt, was wohl als Nächstes passieren könnte, lässt sie Einzelheiten in den Bildern suchen und ermuntert sie, eigene Erfahrungen einzu­bringen. Die Kinder hören aufmerksam zu, melden sich, rufen Antworten in den Raum und entdecken in der Geschichte immer wieder Verbindungen zu ihrer eigenen Lebenswelt. „Es ist toll, die Geschichte gemeinsam mit den Kindern zu erleben“, sagt Iris Birger. „Sie stellen interessante Fragen, haben ihren ganz eigenen Erfahrungs­schatz, können sich mitteilen und Bezüge zu ihrer eigenen Lebenswelt ziehen. Das finde ich ganz spannend und bereichernd.“

Das andere Erfolgsgeheimnis ist wohl die Bildgewalt. Schon nach den ersten Seiten, die Iris Birger liest, wird deutlich, warum das Format des Bilderbuchkinos für die Kinder so gut funktioniert. Die großflächigen Bilder der Geschichte ziehen die Blicke auf sich und eröffnen immer wieder neue Details. Die Dritt- und Viertklässler der Dr. Roßbach Grundschule und der Grundschule am Markt entdecken immer wieder Dinge, die auf den ersten Blick vielleicht gar nicht auffallen – und haben sofort etwas dazu zu sagen.

„Gerade, wenn Kinder mehrsprachig aufwachsen und Deutsch beispielsweise nur die Zweitsprache ist, können solche Bilder im Kopf beim Verstehen helfen“, erklärt Iris Birger. Die Bilder schaffen einen zusätzlichen Zugang zur Geschichte und machen es den Kindern leichter, Zusammenhänge zu erfassen. Gemeinsam mit der Tiersymbolik, die für Kinder leicht verständlich ist, spannen Bild und Text so den Bogen zu den Menschen: Die Raben unterscheiden sich in ihren Farben – und genau daraus entstehen Fragen nach Individualität, Zugehörigkeit und dem Umgang miteinander. Ein Thema, das heute auch schon Kinder und Jugendliche betrifft.

Unterschiedlich sein – und trotzdem zusammengehören

Jutta Vogel, die selbst als Lehrkraft an Schulen tätig war, beobachtet immer wieder: „Kleine Kinder nehmen die Unterschiede zwischen den Menschen nicht so deutlich wahr. Da zählt nur: Mit dem kann ich gut spielen, mit dem nicht. Es ist ganz einfach “ Erst mit zunehmendem Alter würden Unterschiede wie Hautfarbe oder Sprache bewusster. „Aber das ist meistens kein Problem. Das werden sie erst durch Wertun­gen, von Erwachsenen oder Medien“, ergänzt Iris Birger.

Genau dieses offene und unvoreingenommene Miteinander möchte das Projekt stärken. Mehrsprachige Begrüßungen, zentrale Begriffe in verschiedenen Sprachen und kleine kulturelle Einblicke machen die Vielfalt der Kinder sichtbar, ohne sie voneinander zu trennen. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Erkenntnis: Jeder Mensch ist anders – und jeder gehört dazu.

Auch der Veranstaltungsort trägt seinen Teil dazu bei. Die Synagoge als Ort außerhalb des gewohnten Schulalltags schafft eine gewisse Distanz zur Schule. Vielleicht, so die Überlegung, fällt es dem einen oder anderen Kind hier sogar leichter, eigene Gedan­ken und Erfahrungen zu äußern. Vielleicht bleibt dieses Event aber auch ganz anders im Gedächtnis als eine „Schulveranstaltung“.

„Ich denke ja, die Raben bleiben schwarz“

Wie intensiv die Kinder nämlich der Geschichte folgen, zeigen ihre spontanen Gedan­ken. Devon aus der 4a gefällt die Geschichte sehr gut – und besonders auch die Bilder haben es ihm angetan. Sein Schulkamerad Kai meldet sich während der Veranstaltung immer wieder zu Wort. Von Anfang an beschäftigt ihn die Frage, wie die Geschichte wohl ausgehen wird. Seine Vermutung formuliert er ganz klar: „Ich denke ja, die Raben bleiben schwarz. Auch, wenn es schön wäre, wenn sie die Farbe einfach wieder abwaschen können.“

Am Ende haben die Kinder tatsächlich einen gemeinsamen Wunsch: Die Raben sollen wieder ihre ursprünglichen Farben bekommen. Eine Anregung, die Iris Birger und Jutta Vogel gerne mit auf den Weg nehmen.

Jede Feder zählt

Einen kleinen Schritt in diese Richtung unternehmen die Schülerinnen und Schüler aber noch gleich selbst: Jutta Vogel hatte schon früh die Idee, die Kinder selbst kreativ werden zu lassen. So bemalte jedes Kind eine Federvorlagen in ganz eigenen Farben: manche bunt, gestreift, getupft, in Farben bestimmter Landesflaggen oder gespickt mit Wörtern. Aus den vielen einzelnen Federn entsteht ein großer Rabe, den die Kinder mit in ihr Klassenzimmer nehmen dürfen. Und dort ist noch lange nicht Schluss: Im Laufe der Zeit sollen weitere Federn hinzukommen.

So wächst der Rabe gemeinsam mit der Klasse.

„Es soll zeigen: Jede Feder und jedes Kind in seiner Individualität wird gesehen“, erklärt Jutta Vogel von den Aktiven Bürgern, die sich seit vielen Jahren mit verschie­denen Aktionen an der Interkulturellen Woche beteiligen. Mit den Lesepaten und Leselernhelfern haben sie zudem seit vielen Jahren ein Erfolgsprojekte in den Lichtenfelser Kindergärten und Schulen etabliert. Alle Projekte sind geprägt vom Gedanken an Demokratie, Toleranz und Vielfalt leben. So auch heute in der Synagoge: Aus dem Bilderbuchmotiv wird ein sichtbares Zeichen für die Klassengemeinschaft. Jede einzelne Feder ist anders – und erst gemeinsam ergeben sie ein Ganzes.

Eine andere Idee ist es, die entstandenen bunten Raben vielleicht auch außerdem in Lichtenfelser Geschäften auszustellen. So bleibt das Thema nicht innerhalb der Schule, sondern wird in die Stadt getragen und für viele Menschen sichtbar.

Vielfalt beginnt nicht erst bei Nationalitäten

Auch die Lehrkräfte verfolgen die Veranstaltung aufmerksam – und sind von der aktiven Beteiligung ihrer Schülerinnen und Schüler begeistert. Toleranz und Vielfalt seien längst Themen im Grundschulalter, machen sie deutlich. Dabei gehe es nicht nur um unterschiedliche Nationalitäten oder Sprachen. Auch Marken, Kleidung, Ausstat­tung, Handys und andere Dinge können Unterschiede sichtbar machen und für Kinder zu Fragen der Zugehörigkeit werden.

An diesem Tag erleben die Lehrkräfte ihre Klassen als aufmerksam, offen und dis­kussionsfreudig. Die Kinder hören zu, beteiligen sich aktiv und bringen eigene Gedanken ein. Und genau deshalb dürfte die Geschichte noch eine Weile nachwirken. Eine Lehrkraft ist überzeugt: „In den nächsten Tagen wird es schon in der ein oder anderen Situation heißen: Denk an die Raben!“

Vielleicht ist das auch das schönste Ergebnis des Projekts: dass eine Geschichte nicht einfach endet, wenn das letzte Bild verschwunden ist. Sondern dass sie im Alltag weiterlebt – in Gesprächen, in kleinen Entscheidungen und im Umgang miteinan­der. Denn am Ende bleibt eine einfache Botschaft zurück: Jede Feder ist anders. Aber jede Feder gehört zum Raben.

Die bundesweite, interkulturelle Woche im Landkreis Lichtenfels wird organisiert im Rahmen der Partnerschaft für Demokratie im Landkreis Lichtenfels und gefördert im Rahmen des Bundesprogramms Demokratie leben! durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Sie findet vom 27. September bis 4. Oktober 2026 statt. Im Landkreis Lichtenfels wird der Zeitraum erneut erweitert, sodass über mehrere Monate hinweg zahlreiche Möglichkeiten entstehen, Menschen zu treffen, Geschichten kennenzulernen und gemeinsam besondere Momente zu erleben. Viele Akteure beteiligen sich – im gemeinsamen Ziel, ein sichtbares Zeichen für Offenheit, Vielfalt, Zusammenhalt und ein respektvolles Miteinander zu setzen.

Auch im Obermain-Tagblatt

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