Kopfkino statt Bildschirm

Das Märchen „Die Kristallkugel“ verzaubert im Kindergarten Christuskirche Burgkunstadt

Corinna Tübel

Margit Schreppel aus Isling besuchte mit ihren Märchen erstmals die Einrichtung und sorgte für Staunen, Träume und ganz viel Zusammenhalt. Möglich macht das die Kooperation der Aktiven Bürger Lichtenfels und der KOINOR-Horst-Müller-Stiftung.

Ein geheimnisvoller Koffer steht im Forscherraum des Kindergartens Christuskirche. Was wohl darin steckt? Die Kinder sind neugierig. Nach und nach holt Märchenerzählerin Margit Schreppel aus Isling, oder auch „Margareta aus dem Eulenwald“, die Schätze aus ihrem Geschichtenkoffer hervor: einen Zauberhut, einen Zauberspiegel und weitere Utensilien. Schnell ist klar: Heute wird es märchenhaft.

Zum ersten Mal ist die bekannte Märchenerzählerin im Kindergarten zu Gast. Im Gepäck hat sie die Geschichte „Die Kristallkugel“ – und damit eine ganze Welt voller Zauber, Spannung und Fantasie. Die Kinder lauschen gebannt, stellen Fragen, vergleichen Aspekte mit ihrer eigenen Lebenswelt und lassen sich auf das Geschehen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm ein: Ein böser Zauberer verwandelte die drei Söhne einer Frau in Tiere. Der jüngste Sohn macht sich auf den Weg, um seine Brüder zu erlösen. Dabei erhält er eine Kristallkugel, die ihm hilft, eine verzauberte Prinzessin zu retten. Durch Mut und Klugheit besiegt er den Zauberer und erlöst seine Brüder. Am Ende bekommt er die Prinzessin zur Frau.

Bei den Mädchen und Jungen war zunächst eine vertrauensvolle Vorfreude, später ehrliche Begeisterung zu verspüren. Kein Wunder: Laut Kindergartenleiterin Ute Seelmann haben Märchen einen festen Platz im Kindergartenalltag. „Je nach Jahreszeit oder je nachdem, was die Kinder gerade beschäftigt, lesen die Mitarbeitenden oder auch Lesepaten Märchen vor. Manche Märchen begleiten die Kinder dabei über mehrere Wochen.“

Beim Vorlesen bleibt es aber nicht. Die Kinder erzählen Geschichten nach, spielen sie nach und entwickeln sie weiter. Auch Geschichtensäckchen kommen zum Einsatz. Sprache ist ein wichtiges Thema in der Einrichtung, die als Sprachkita besonderen Wert auf die sprachliche Entwicklung der Kinder legt.

Wenn alles ein bisschen magisch ist

Gerade im Vorschulalter seien Kinder besonders offen für Märchen, erklärt Seelmann. Sie befinden sich in einem „magischen Alter“, in dem vieles Gehörte und Gesehene noch ganz unmittelbar erlebt wird. Die Kinder können sich gut in die Figuren hineinversetzen, schlüpfen beim Spielen in deren Rollen und nehmen aus den Geschichten auch Kraft mit: „Alles ist magisch.“ Zwar seien Märchen oft auch spannend und manchmal auch ein wenig unheimlich. Gleichzeitig gebe aber die Gewissheit Halt, dass die Geschichte am Ende gut ausgeht.

Und dann ist da ja noch Margit Schreppel an diesem Tag. Aufmerksam beobachtet sie die Reaktionen der Kinder auf ihre Worte: Sie lächelt, sie fragt die Kinder nach ihrer Einschätzung, tröstet und fängt die Angst manchmal auch kreativ auf: An manchen Stellen sei es auch erlaubt, die Geschichte leicht zu verändern – ohne ihren Kern zu verfälschen. Und zwar mit Humor: So entsteht beim Anblick einer hässlichen Hexe plötzlich lautes Gelächter und die Kinder dichten der Figur selbst immer weiter lustige Frisuren und Grimassen an.

Lachen, Enttäuschung, Angst, Wut, Mitgefühl und viele mehr: All diese Emotionen wollen begleitet werden. Genau das fehle aber bei einem digitalen Erlebnis, erklärt Margit Schreppel auf Nachfrage hin, was Märchenerzählen denn neuen Medien voraus haben. Märchen transportieren Gefühle“, sagt Schreppel. Genau darin sieht sie eine besondere Stärke des Erzählens. Die Erzählerin sitzt den Kindern unmittelbar gegenüber, erlebt ihre Reaktionen und kann darauf eingehen.

An diesem Tag macht Margit Schreppel Märchen auch begreifbar. Mit dem Zauberhut dürfen sich die Kinder beispielsweise an einen anderen Ort wünschen. Auch der Zauberspiegel regt die Fantasie an – und zwar ganz individuell. Ein weiterer Vorteil der Märchen: Es gibt keine fertigen Bilder. Während im Fernsehen oder in einem Bilderbuch bereits festgelegt ist, wie eine Figur aussieht, entsteht sie beim Erzählen im Kopf jedes Kindes selbst. Der eine stellt sich etwa den Zauberer alt und mit langem Bart vor, ein anderer jung und mit Sternenumhang. Diese eigene Schöpfungskraft mache es den Kindern leichter, sich mit den Figuren zu identifizieren, erklärt Schreppel. Und so wird aus dem Zuhören schnell ein eigenes Erleben.

Tipp für zu Hause

Das war an diesem Vormittag im Forscherraum deutlich zu spüren. Gebannt verfolgten die Kinder die Geschichte, fragten immer wieder nach und brachten eigene Ideen ein.

Auch zu Hause können Märchen einen festen Platz im Famlienalltag einnehmen: Margit Schreppel hat dafür einen Tipp: Eltern können eine gemütliche Atmosphäre schaffen, etwa mit einer Decke und einer Kerze, und ihre Kinder fragen, welche Themen sie gerade beschäftigen. Gemeinsam lässt sich anschließend ein passendes Märchen auswählen. Wichtig sei, die Geschichte miteinander zu erleben und anschließend darüber zu sprechen.

Der Koffer aus dem Eulenwald hat im Kindergarten Christuskirche jedenfalls seine Wirkung nicht verfehlt. Für eine Weile wurde aus dem Forscherraum ein Ort, an dem Zauberhüte Wünsche erfüllen, Spiegel Geheimnisse bergen und nur der Zusammenhalt Wunder bewirken kann.  Doch Märchen können lebendig werden – auch im Alltag.

Auch im Obermain-Tagblatt

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